Keine nennenswerten Fortschritte im Leben von Personen mit Behinderungen

3 Dezember 2020
Handlungsfelder: Aller Aktionsbereiche
Diskriminierungsgrund: Behinderung

Am 3. Dezember 2019, dem Welttag der Menschen mit Behinderungen, hatte Unia eine Umfrage gestartet, um die Meinung von Personen mit Behinderung zu 10 großen Themen zu erfahren. Insgesamt nahmen 1.114 Personen an dieser Umfrage teil. Ein Jahr später können wir nun die Ergebnisse der Erhebung veröffentlichen.

Mit der Befragung wollte Unia sich ein genaueres Bild von den Hindernissen verschaffen, die Personen mit Behinderung bei der Ausübung ihrer Rechte im Weg stehen. Die gesammelten Informationen sind eine Orientierungshilfe bei unserer Arbeit und liefern zudem Input für den Parallelbericht an den UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen im Rahmen der zweiten Bewertung Belgiens. Mehr Informationen diesbezüglich finden Sie auf unserer Webseite auf Französisch oder Niederländisch.

In der Umfrage ging es um 10 Themen: Bildung, Arbeit, Zugänglichkeit, Wohnsitzwahl, Lebensstandard, Teilhabe am politischen und öffentlichen Leben, Beziehungs-, Gefühls- und Sexualleben, Teilhabe an Kultur und Freizeitangeboten, Achtung der körperlichen und psychischen Integrität sowie das Bild, das Menschen von Behinderung haben.

Unia stellt fest, dass die meisten Betroffenen, die an der Umfrage teilgenommen haben, in den letzten Jahren keinen großen Fortschritt gesehen haben und von vielen Schwierigkeiten bei der Ausübung ihrer Rechte sprechen. Ein menschenwürdiges Leben ist eines der wichtigsten Anliegen. Die Befragten sorgen sich auch oft um das Bild, das die Gesellschaft von ihrer Behinderung hat.

Keine Inklusion ohne menschenwürdiges Einkommen

„60 % der Antworten besagten, dass eine Behinderung einem menschenwürdigen Lebensstandard im Weg steht“, berichtet Unia-Direktor Patrick Charlier. „Menschenwürdiger Lebensstandard bedeutet korrekte Ernährung, Kleidung und Unterkunft“. Die zusätzlichen Kosten, die durch eine Behinderung anfallen, sind nach Aussage der Befragten außerordentlich hoch. „Die Sozialleistungen reichen gerade einmal zum Überleben“.

Der Beschäftigungsgrad von Personen mit Behinderung ist in Belgien sehr niedrig. Außerdem sind es oft keine festen Arbeitsplätze oder nur Teilzeitjobs. „Ohne korrekten Lebensstandard können die Betroffenen auch nicht wohnen, wo sie möchten und mit wem sie möchten“, erklärt Charlier. „Dadurch können sie keine Beziehungen mit anderen führen und keinen Freizeitaktivitäten nachgehen“.

Von stereotypen Vorstellungen bis hin zu Gewalt

61 % der Befragten antworteten, dass die Vorstellung, die andere von ihrer Behinderung haben, sie daran hindert, das Leben zu führen, das sie sich wünschen. Auf der Straße, in der Schule, in den Medien, selbst im Gefühls- und Sexualleben geht Behinderung automatisch mit einer ganzen Reihe von Klischees einher, mit offensichtlichem Unverständnis, mit Dingen, auf die man angeblich kein Anrecht hat, sogar mit Gewalt. „Die Betroffenen sind es leid, herablassend behandelt zu werden“, betont Charlier. „Sie wollen, dass man ordentlich mit ihnen umgeht, und nicht als abgesonderte Gruppe da stehen“.

Der Staat muss handeln

Diese besorgniserregenden Feststellungen sind für Unia Grund genug, die belgische Regierung dringend dazu aufzufordern, größere Anstrengungen zu unternehmen, damit Personen mit Behinderung ihre Rechte endlich uneingeschränkt ausüben können, so wie es in der UN-Behindertenrechtskonvention verankert ist.

Möchten Sie mehr erfahren?

Den Bericht mit allen Empfehlungen und Erfahrungsberichten finden Sie auf unserer Webseite auf Französisch und Niederländisch.

Einige Betroffenenaussagen aus dem Bericht

„Wir müssen noch zu viele medizinische Kosten selbst tragen und können das Ganze nur mit Schuldentilgungsplänen stemmen. Ein Großteil der Sozialleistungen, die wir erhalten, fließt in medizinische Kosten, die noch nicht bezahlt sind. So rutscht man in die Armut ab und muss jeden Monat zur Lebensmittelbank. Ein Ausflug ist einfach nicht drin. Ein tolles Leben ist das! Manchmal wünsch ich, es wär schon vorbei mit mir.“

„Ich hab keine große Wahl. Entweder wohne ich mit einem Partner zusammen und habe dann kein Einkommen oder ich lebe bei meiner Familie und habe ebenfalls kein Einkommen oder ich wohne allein mit einem lächerlichen Einkommen, von dem ich mir höchstens eine winzige, heruntergekommene Wohnung leisten kann.“

„Das Schlimmste ist, dass sie mit meinem Partner reden wollen statt mit mir. Mein Rücken und die Wirbelsäule, auch die Beine, sind zwar ramponiert, aber mein Kopf funktioniert noch einwandfrei!“

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